Bereit für die Azubis von Morgen:
Welche Future Skills Kanzleien brauchen
Interview mit Prof. Dr. Ruth-Caroline Zimmermann
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Prof. Dr. Ruth-Caroline Zimmermann
ist Professorin für Steuerlehre und Prüfungswesen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Steuerberaterin und Kommunikationstrainerin. Durch ihre langjährige Führungsverantwortung in Steuerkanzleien schlägt sie die Brücke zwischen Wissenschaft und Kanzleipraxis.
© DHBW Karlsruhe
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Frau Prof. Zimmermann, was genau sind Future Skills und warum werden sie für Steuerberaterinnen und Steuerberater – gerade bei der Suche nach jungen Kräften – immer wichtiger?
Zimmermann: In der Steuerberatung war Fachwissen immer die Eintrittskarte in den Beruf. Das bleibt auch so. Aber: Die Spielregeln haben sich geändert – mehr Komplexität im Steuerrecht, Fachkräftemangel und dazu KI, die Standardaufgaben übernimmt.
Future Skills sind so etwas wie das Upgrade zu unserem Fachwissen. Es sind Fähigkeiten, mit denen wir eine Welt im Wandel aktiv, souverän und verantwortungsvoll mitgestalten. Man kann sich diese Future Skills wie eine Pyramide vorstellen: Unten liegen die grundlegenden Kompetenzen, darauf aufbauend folgen die transformativen und digitalen Zukunftskompetenzen und an der Spitze stehen die sehr speziellen technologischen Kompetenzen.
Zu den grundlegenden Kompetenzen gehören zum Beispiel:
- Kommunikations- und Kooperationskompetenz
- Problemlösekompetenz und kritisches Denken
- Lernkompetenz und der offene Umgang mit Veränderungen
Gerade in der Steuerberatung ist das entscheidend: Wenn KI Texte, Stellungnahmen oder Auswertungen erstellt, brauchen wir Menschen, die diese Ergebnisse kritisch prüfen, fachlich einordnen und den Mandanten verständlich erklären. Das gilt besonders in der Ausbildung: Azubis sollten nicht nur fachlich fit werden, sondern auch lernen, KI reflektiert zu nutzen.
Wenn wir über transformative und digitale Zukunftskompetenzen sprechen, geht es darum zu verstehen, was dahintersteckt, welche Chancen und Risiken es gibt und wie wir Tools wie ChatGPT, spezialisierte Steuersoftware oder KI-Agenten sinnvoll in den Alltag integrieren. Und so wie in der Steuerberatung nicht jeder Expert:in bspw. im internationalen Steuerrecht oder im Verfahrensrecht ist, braucht es doch als Berater:in ein gewisses Grundverständnis für diese Themen. Und das gilt eben auch für neue Technologien, die wir einsetzen. Nicht jeder muss alle KI-Tools kennen oder selbst programmieren können, aber mal zu schauen, was es gibt, und was hilft, das macht es aus!
Für die Gewinnung junger Menschen heißt das konkret:
- Im Gespräch schauen: Welche Future Skills bringt die Person mit? Was fällt ihr leicht?
- Gleichzeitig klar machen: Bei uns kannst du diese Kompetenzen weiterentwickeln und wir wünschen uns Menschen mit einem offenen Mindset und der Begeisterung in allen Bereichen zu lernen.
Die Entwicklung des Berufsstands ist ja rasant und auch die junge Generation möchte in der Ausbildung angemessen abgeholt werden. Wie kann ich ganz einfach bei mir in der Kanzlei mit Future Skills anfangen bzw. einen Future-Skills-Check machen?
Zimmermann: Ein Check muss nicht kompliziert sein. Wir können diesen wie eine Bestandsaufnahme der Kanzlei-DNA sehen. Fragen Sie sich:
- Fehlerkultur: Sind Fehler bei uns Stolpersteine oder Trittsteine zum Lernen? Zu den Future Skills gehört auch die Offenheit, aus Rückschlägen zu lernen und einfach mal zu probieren. Wenn etwa bei einer USt-Voranmeldung eine falsche Einschätzung passiert, ist die erste Frage nicht ‚Wer war schuld?‘, sondern: ‚Was lernen wir daraus – und wie können wir diese künftig (z. B. durch eine Checkliste) vermeiden?‘
- Neugier vorleben: Wann haben Sie als Steuerberater:in das letzte Mal eine neue Software-Funktion einfach mal ausprobiert, ohne sofort ein perfektes Ergebnis zu erwarten? Oder mal darüber gesprochen, was Sie machen oder auch, was Ihnen dabei vielleicht nicht ganz so leichtfällt? Die kritische Reflexion der eigenen Rolle ist enorm wichtig.
- Miteinander und Voneinander lernen: Menschen haben ihre Stärken in verschiedenen Bereichen. Wenn Sie es schaffen, die Menschen in der Kanzlei zu identifizieren, die bspw. Spaß und Interesse am Umgang mit KI haben, sind das Ihre Multiplikatoren, die den anderen Mitarbeitenden in der Kanzlei viele Dinge zeigen können. Auch diese Tätigkeiten sollten neben der reinen Mandatsarbeit gefördert werden. Und warum nicht gleich die Azubis in die Projekte einbinden? Das bringt Motivation und stärkt Identifikation mit Ihrer Kanzlei!
Ein guter Startpunkt ist immer der Dialog im Team: „Welche Tätigkeiten halten uns auf, die KI (oder Automatisierung) übernehmen könnte? Auf welche Kernkompetenzen wollen wir uns konzentrieren?“ Oder Sie spielen „Wünsch dir was“: „Welche Routinetätigkeit würdest du in deinem idealen Arbeitsalltag gerne abgeben?“ So entsteht ganz nebenbei ein Bewusstsein dafür, wie wichtig Future Skills – insbesondere Agilität und Lernbereitschaft – in der Kanzlei sind.
KI, Digitalisierung, Automatisierung sind also DIE Begriffe für die Zukunft der Steuerberatung. Wie können Kanzleien Azubis da noch mehr mitnehmen?
Zimmermann: Wir sollten Azubis nicht als Lernende am Ende der Kette sehen, sondern als Technologie-Scouts. Junge Menschen bringen oft eine natürliche digitale Souveränität mit. Anstatt fertige Prozesse vorzusetzen, könnten Sie die Azubis fragen: „Hier ist ein neues KI-Tool – prüfe doch mal, wie es uns bei der Recherche zu diesem Sachverhalt unterstützen könnte“. Und wenn Sie sich danach zusammensetzen und die Lösung gemeinsam fachlich kritisch durchsehen und daran die steuerrechtlichen Grundlagen erklären, ist das die perfekte Lernumgebung.
Fördern Sie eine Kultur, in der Arbeitsergebnisse immer hinterfragt werden:
- Ist das korrekt? Und wie kann ich das Ergebnis überprüfen?
- Ist die Kommunikation angemessen (in Bezug auf die Tiefe, die Adressaten…)?
- Entspricht es unseren Berufsstandards?
Und: Gerade zu Beginn der Ausbildung lohnt es sich, bewusst Zeit zu investieren – nicht nur in Fachfragen, sondern auch in das „Warum?“ hinter Entscheidungen. Sie als Steuerberater:innen sind Vorbilder: Azubis schauen sich Ihre Arbeitsweise, Ihre Kommunikation im Team und mit Mandanten und Ihre Haltung zu Neuem ganz genau an und auch ab.
Welche Rolle spielen Future Skills bei der Vermittlung von steuerlichem Fachwissen?
Zimmermann: Die Wissensvermittlung wandelt sich vom Frontalunterricht hin zum begleiteten und gemeinsamen Lernen. Früher waren wir die Hüter: Innen des Wissens. Heute ist das Wissen oft nur einen Klick entfernt. Unsere neue Aufgabe ist es, jungen Menschen beizubringen, wie sie dieses Wissen bewerten, verknüpfen, Lösungen entwickeln und in den Gesamtkontext einordnen können. Wir lösen Probleme gemeinsam, statt nur fertige Antworten zu geben.
Future Skills wirken hier wie eine Art Lernverstärker, damit steuerliche Expertise nicht isoliert im Kopf bleibt, sondern in der Praxis sicher angewendet wird.
Sie haben gerade beschrieben, dass trotz Digitalisierung und Co. der Mensch in der Steuerberatung immer im Vordergrund steht. Was sollte man da beachten?
Zimmermann: Fachlichkeit ist das Werkzeug, aber Vertrauen ist unerlässlich. Empathie im Mandantengespräch oder Fingerspitzengefühl bei einer Betriebsprüfung und im Umgang mit Kolleg:innen sind menschliche Kompetenzen, die durch keine KI ersetzt werden. Wir sollten unserem Nachwuchs vermitteln, dass die moderne Arbeitswelt drei Dinge fordert: Fachlichkeit, Offenheit für Veränderungen und starke kommunikative Kompetenzen.