Warum nicht mal ein Koch?
So machen Sie Ihre Kanzlei bereit für den Quereinstieg
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Sabine Oettinger hat es gewagt. Sie setzt ganz bewusst auf Quereinsteiger:innen in ihrer Kanzlei im bayerischen Starnberg. Über die Herausforderung, einen Koch oder einen Ingenieur in die Steuerwelt zu integrieren und warum sich die Ausdauer für Steuerberater:innen lohnen kann, berichtet Sabine Oettinger hier im Interview.
Frau Oettinger, Sie setzen bewusst auf Quereinsteiger:innen. Auf welchem Erfahrungshorizont basiert dieses Konzept? Welche Erfahrungen haben Sie mit ihnen gemacht?
Wir arbeiten nun schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit Quereinsteiger:innen. Menschen aus ganz unterschiedlichen beruflichen Bereichen bringen frische Impulse und neue Perspektiven mit. Entscheidend ist für uns, dass sie offen für Neues sind und eine ausgeprägte Lernbereitschaft mitbringen.
Gibt es verschiedene Gruppen von Quereinsteiger:innen, mit denen Sie besonders gute Erfahrungen gemacht haben?
Ja, wir unterscheiden im Wesentlichen drei Typen:
| Typ | Hintergrund & Voraussetzungen | Ziel & Qualifizierungsweg |
|---|---|---|
| Spezialisierte Teilbereichs-Quereinsteiger:innen | Zum Beispiel Bankkaufleute oder Verwaltungsfachkräfte ohne Steuerhintergrund | Einstieg in klar abgegrenzte Bereiche wie Lohn- oder Finanzbuchhaltung. Voraussetzung sind Zahlenaffinität, Sorgfalt und Motivation. Bei uns kommen sie jedoch selten zum Zuge, da wir auch in Teilbereichen hohe Fachlichkeit verlangen. |
| Umschüler | Unterschiedlich, oft Theoriekenntnisse durch Umschulungen | Kommen meist über Träger/Arbeitsagentur, wollen StFA werden. Vorteil: kurze Ausbildungsdauer, Förderung durch das Amt. Nachteil: Praxis fehlt anfangs häufig, Integration ins Team und Praxisbetrieb ist entscheidend. |
| Hochqualifizierte Quereinsteiger:innen mit parallelem Studium | Berufserfahrene aus ganz anderen Branchen | Arbeiten fast Vollzeit bei uns und studieren nebenberuflich. Ihr Ziel ist meist das Steuerberaterexamen. Sie bringen Führungserfahrung, Organisationsfähigkeit und Motivation mit. Hier haben wir die besten Erfahrungen gemacht. |
Können Sie konkrete Beispiele aus Ihrer Kanzlei nennen?
Sehr gerne. Einer unserer aktuellen Quereinsteiger:innen ist Küchenmeister mit abgeschlossenem Studium der Ernährungswissenschaften und hat mit seiner Serviceorientierung und Kommunikationsstärke unser Team sofort bereichert. Trotz Nicht-Fachlichkeit hat seine Motivation schon im Vorstellungsgespräch überzeugt, und auch der Umgang mit Mandanten ist ihm in die Wiege gelegt. Seine schnelle Auffassungsgabe, sein hohes fachliches Niveau und seine Identifikation mit seinen Aufgaben und Mandaten sind wesentliche Stärken. Er arbeitet fast Vollzeit in der Kanzlei, studiert nebenher Steuerrecht, und wird in wenigen Jahren das Steuerberaterexamen absolvieren.
Der zweite Kollege ist Diplomingenieur mit Führungserfahrung. Sein Weg war ähnlich: Einstieg in der Kanzlei mit parallelem Fachstudium (Bachelor und Master), starker Antrieb, komplexe Prozesse zu hinterfragen und zu verbessern. Schon in kurzer Zeit hat er Abläufe effizienter gestaltet und sich für das diesjährige Steuerberaterexamen qualifiziert. Beide Beispiele zeigen: Motivation, Berufserfahrung und die Bereitschaft, Neues zu lernen, sind der Schlüssel.
Wie läuft die Qualifizierung dieser Quereinsteiger:innen konkret ab?
Wir investieren viel in Fortbildungen und begleiten die Einarbeitung sehr eng. Zu Beginn ist der Gehaltsanspruch oft herausfordernd, weil wir zumindest den Mindestlohn zahlen. Aber bereits nach etwa einem Jahr dreht sich das Verhältnis, weil die Quereinsteiger:innen schnell Verantwortung übernehmen und die Kanzlei unmittelbar profitiert. Die Gehälter passen wir dann auch zügig an. Besonders wichtig: Die Bereitschaft, den Quereinsteiger:innen früh komplexe Aufgaben zu übertragen und sie bei diesen zu begleiten. Sie wollen sich zügig fortentwickeln und wachsen.
Gab es Schwierigkeiten bei der Integration?
Der Rollenwechsel fordert vor allem Hochqualifizierte heraus, wenn sie sich von Jüngeren anleiten lassen müssen. Status und Prestige folgen aber bald, denn ihre Erfahrung und Ideen werden geschätzt. Die Anfangszeit fordert Durchhaltevermögen, zahlt sich aber schnell aus.
Welche Empfehlungen geben Sie Kanzleien, die den Quereinstieg öffnen möchten?
Setzen Sie auf hohe Motivation und Leistungsbereitschaft bei den Kandidaten. Scheuen Sie nicht das Einstiegsinvestment – nach einem Jahr überwiegen meist schon Mehrwert und Innovationskraft. Wichtig sind eine enge Begleitung und frühe Übertragung anspruchsvoller Aufgaben. Unsere Beispiele zeigen, dass ein erfolgreich geförderter Quereinstieg echte Spitzenleistungen und nachhaltigen Zuwachs für das Team bringt.
Vielen Dank für Ihre spannenden Einblicke und konkreten Beispiele!